Vespa GTS als Beispiel für die HPE-Motorengeneration

Was bedeutet HPE bei der Vespa GTS?

Wer sich mit den großen Motorisierungen der Vespa GTS beschäftigt, stößt schnell auf die Abkürzung HPE. Sie steht für High Performance Engine und bezeichnet eine von Piaggio entwickelte Motorenfamilie, die 2019 mit dem 300 HPE in die GTS-Baureihe einzog.

HPE ist keine Ausstattungslinie und sagt für sich genommen nichts über Display, Fahrwerk oder Konnektivität aus. Die Bezeichnung gehört zum Motor beziehungsweise Antrieb. Neben dem 300 HPE verwendet Piaggio sie auch für den neueren 310-HPE-Motor.

Doch was unterscheidet diese Motoren technisch von ihren Vorgängern – und was davon ist beim Fahren relevant?

Wofür steht HPE bei Vespa?

HPE bedeutet High Performance Engine. Piaggio verwendet den Namen für eine Motorenfamilie, deren Entwicklung nicht allein auf eine höhere Spitzenleistung zielte. Beim 300 HPE nannte der Hersteller insbesondere folgende Entwicklungsziele:

  • mehr Leistung und Drehmoment,
  • eine bessere Fahrbarkeit,
  • geringere mechanische Reibung,
  • weniger Motor- und Antriebsgeräusche sowie
  • einen niedrigeren Kraftstoffverbrauch.

„High Performance“ sollte deshalb nicht mit einem hochgezüchteten Rennmotor gleichgesetzt werden. Bei einem alltagstauglichen Automatikroller umfasst der Begriff auch eine gleichmäßige Kraftentfaltung, Effizienz und Laufruhe.

Seit wann gibt es die Vespa GTS mit HPE?

Piaggio präsentierte die Vespa-GTS-Modellpalette 2019 mit dem neuen 300-HPE-Motor im Februar 2019. Der flüssigkeitsgekühlte Einzylinder mit 278 cm³ leistete 17,5 kW beziehungsweise 23,8 PS und erreichte ein maximales Drehmoment von 26 Nm.

Gegenüber der vorherigen 300er-Ausführung gab Piaggio bei der Einführung zwölf Prozent mehr Spitzenleistung und 18 Prozent mehr maximales Drehmoment an. Der nach WMTC ermittelte Verbrauch sank laut Hersteller von 29,4 auf 31,2 Kilometer je Liter, entsprechend von rund 3,4 auf rund 3,2 Liter je 100 Kilometer.

Am 5. November 2024 stellte Piaggio die Vespa GTS 310 vor. Ihr 310-cm³-Motor gehört ebenfalls zur HPE-Familie, ist gegenüber dem 300 HPE jedoch umfassend weiterentwickelt.

Wie ist der 300-HPE-Motor aufgebaut?

Der 300 HPE ist ein flüssigkeitsgekühlter Viertakt-Einzylinder mit vier Ventilen und elektronischer Benzineinspritzung. Die Kraftübertragung erfolgt über ein stufenloses CVT-Automatikgetriebe und eine automatische Fliehkraft-Trockenkupplung.

Diese Grundkonstruktion ähnelt anderen modernen Großrollermotoren. Kennzeichnend für die HPE-Überarbeitung waren zahlreiche Detailänderungen an Verbrennung, Gaswechsel, Ventiltrieb und Kraftübertragung.

Neuer Zylinderkopf und überarbeiteter Brennraum

Für den 300 HPE entwickelte Piaggio einen neu gegossenen Zylinderkopf. Die Einlass- und Auslasskanäle erhielten eine veränderte Geometrie und einen größeren Durchmesser. Auch die Ventile wurden vergrößert. Zusammen mit einem neu gestalteten Kolben entstand ein überarbeiteter Brennraum.

Die Maßnahmen sollten die Füllung des Brennraums und die thermodynamische Effizienz verbessern. Vereinfacht gesagt kann der Motor das einströmende Kraftstoff-Luft-Gemisch dadurch günstiger umsetzen.

Kipphebel mit Rollenstößeln

Im Ventiltrieb setzte Piaggio Kipphebel mit Rollenstößeln anstelle der zuvor verwendeten gleitenden Kontaktflächen ein. Das sollte die mechanischen Verluste verringern und Haltbarkeit sowie Leichtgängigkeit verbessern.

Zusätzlich wurden das Nockenwellenprofil, der Ventilhub und die Ventilfedern an die neue Auslegung angepasst. Piaggio verfolgte damit sowohl eine bessere Brennraumfüllung als auch eine Begrenzung der Ventiltriebsgeräusche.

Hochdruck-Mehrstrahlinjektor

Ein neuer Hochdruck-Mehrstrahlinjektor sollte die Verbrennung verbessern. Hinzu kam ein größer dimensionierter Ansaugtrakt mit optimierter Kanallänge, der insbesondere die Drehmomentabgabe bei niedrigen Drehzahlen und einen gleichmäßigen Motorlauf unterstützen sollte.

Eine Iridium-Zündkerze gehörte ebenfalls zum technischen Paket. Piaggio nennt hier vor allem eine höhere Haltbarkeit bei vergleichbaren Einsatzbedingungen.

Überarbeitete Variomatik und Motorsteuerung

Auch die Kraftübertragung wurde überarbeitet. Die CVT-Automatik erhielt einen robusteren Antriebsriemen und Materialien, die Reibung und Geräusche reduzieren sollten. Eine schallabsorbierende Beschichtung des Gehäusedeckels und eine steifere Kupplungsglocke dienten ebenfalls der Geräuschminderung.

Bei der Einführung wurde der 300 HPE von einer Magneti-Marelli-MIUG4-Motorsteuerung geregelt. Mehr über das Funktionsprinzip des stufenlosen Antriebs erklärt unser Beitrag So funktioniert die Variomatik einer Vespa wirklich.

Was merkt man von HPE beim Fahren?

Die technischen Änderungen verfolgen vor allem ein alltagsnahes Ziel: Die GTS soll beim Anfahren und Wiederbeschleunigen spontan reagieren, ihre Kraft aber gleichmäßig und kontrollierbar abgeben.

Das ist insbesondere in folgenden Situationen relevant:

  • beim Anfahren an einer Ampel,
  • beim Beschleunigen aus einer Kurve,
  • beim Einfädeln in den fließenden Verkehr,
  • auf Steigungen oder mit zusätzlicher Beladung sowie
  • bei Überlandfahrten mit wechselndem Tempo.

Geschaltet wird weiterhin nicht von Hand. Die Variomatik passt die Übersetzung automatisch an die Fahrsituation an. HPE verändert somit nicht das grundsätzliche Bedienkonzept der Vespa GTS, sondern betrifft die Auslegung und Arbeitsweise ihres Antriebs.

Wie kräftig sich eine GTS tatsächlich anfühlt, hängt nicht nur von der angegebenen Motorleistung ab. Fahrzeuggewicht, CVT-Abstimmung, Beladung, Steigung und Betriebszustand beeinflussen den Fahreindruck ebenfalls.

Was unterscheidet den 300 HPE vom 310 HPE?

Die Bezeichnung HPE blieb beim Wechsel auf die GTS 310 erhalten. Nach Angaben von Piaggio sind jedoch mehr als 70 Prozent der Motorkomponenten neu.

Der Hub des Einzylinders wuchs von 63 auf 70,1 Millimeter, während die Bohrung mit 75 Millimetern unverändert blieb. Dadurch erhöhte sich der Hubraum von rund 278 auf 310 cm³. Hinzu kamen unter anderem neue Einspritzkomponenten, ein geneigt angeordneter Zylinder, ein neues Startsystem und ein überarbeitetes Kurbelgehäuse.

Merkmal GTS 300 HPE, Euro 5 GTS 310 HPE, Euro 5+
Hubraum 278 cm³ 310 cm³
Bohrung × Hub 75 × 63 mm 75 × 70,1 mm
Maximale Leistung 17,5 kW / 23,8 PS bei 8.250 U/min 18,4 kW / 25 PS bei 6.500 U/min
Maximales Drehmoment 26 Nm bei 5.250 U/min 28,9 Nm bei 5.250 U/min
WMTC-Verbrauch 3,2 l/100 km 3,2 l/100 km
Abgasnorm der verglichenen Ausführung Euro 5 Euro 5+

Wichtig für die Einordnung: Der 300 HPE wurde 2019 zunächst in einer Euro-4-Ausführung eingeführt. Die Tabellenwerte beziehen sich beim 300er auf das spätere deutsche Euro-5-Modell, beim 310er auf die offizielle Euro-5+-Spezifikation.

Der 310er bietet mehr Spitzenleistung und 2,9 Nm zusätzliches maximales Drehmoment. Seine Höchstleistung liegt außerdem bei einer deutlich niedrigeren Drehzahl an. Piaggio beschreibt die Kraftentfaltung als kräftig und zugleich progressiv; der längere Hub soll insbesondere die Elastizität unterstützen.

Wer zwischen der GTS 125 und den großen Motorisierungen schwankt, findet eine ausführlichere Einordnung im Artikel Vespa GTS 125 oder GTS 300/310: Welche ist die richtige?.

Ist jede Vespa GTS ein HPE-Modell?

Nein. Die GTS 125 verwendet einen Motor aus der i-get-Familie. HPE steht bei der GTS dagegen für die großen 300- beziehungsweise 310-cm³-Motoren.

Die Zuordnung lässt sich vereinfacht so zusammenfassen:

  • GTS 125: i-get-Motor
  • GTS 300 der ab 2019 eingeführten Motorengeneration: 300 HPE
  • GTS 310: 310 HPE

Was hinter der kleineren Motorenfamilie steckt, erklären wir unter Was bedeutet i-get bei Vespa – und was bringt die Technik?.

ABS, ASR-Traktionskontrolle, Keyless-System, Displayausführung und Smartphone-Konnektivität sind separate Fahrzeug- oder Ausstattungsmerkmale. Sie gehören nicht zur Bedeutung der Abkürzung HPE.

Was bedeutet HPE beim Gebrauchtkauf?

Bei einer gebrauchten Vespa GTS hilft die HPE-Bezeichnung bei der Einordnung der Motorengeneration. Eine GTS 300 HPE besitzt grundsätzlich den mit der Modellpalette 2019 eingeführten Antrieb. Eine ältere GTS 300 ohne HPE gehört zur vorherigen Motorengeneration.

Das Erstzulassungsjahr allein reicht für eine sichere Zuordnung allerdings nicht immer aus, weil Zulassungsjahr, Modelljahr und tatsächliches Produktionsdatum voneinander abweichen können. Maßgeblich sind die Fahrzeugunterlagen und die eindeutige Identifikation des konkreten Rollers.

HPE ist außerdem kein Qualitätsnachweis für ein einzelnes Gebrauchtfahrzeug. Wartungsnachweise, Laufleistung, Kaltstartverhalten, Dichtigkeit sowie der Zustand von Kühlsystem, Variomatik und Antriebsriemen sollten unabhängig von der Motorbezeichnung geprüft werden.

Bei einem Angebot sollten daher Modellbezeichnung, Fahrgestellnummer, Fahrzeugpapiere und Serviceunterlagen zusammenpassen. Auch nicht serienmäßige Veränderungen an Motor oder Kraftübertragung verdienen besondere Aufmerksamkeit.

Fazit

HPE steht bei der Vespa GTS für High Performance Engine. Die Bezeichnung kennzeichnet eine Piaggio-Motorenfamilie, die auf mehr Leistung und Drehmoment, bessere Fahrbarkeit, geringere Reibung sowie weniger Verbrauch und Geräusche ausgelegt wurde.

Der 300 HPE wurde 2019 in der GTS-Baureihe eingeführt und leistet aus rund 278 cm³ maximal 17,5 kW beziehungsweise 23,8 PS. Der 310 HPE erreicht aus 310 cm³ maximal 18,4 kW beziehungsweise 25 PS und 28,9 Nm.

HPE beschreibt den Motor beziehungsweise Antrieb, nicht die Ausstattungslinie der Vespa. Beim Gebrauchtkauf erleichtert die Bezeichnung zwar die technische Einordnung, ersetzt aber nicht die Prüfung von Modellidentität, Wartung und Fahrzeugzustand.

Foto: Efrem Efre / Pexels

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